Therapie: Wie werden infantile Hämangiome behandelt?

Erstellt am 30.09.2015, Zuletzt geändert: 08.11.2016 https://kinderkrebsinfo.de/doi/e148973

Ob bei einem Kind mit infantilem Hämangiom eine Behandlung angezeigt ist oder nicht, muss individuell entschieden werden.

Bei unkomplizierten infantilen Hämangiomen in unproblematischer Lage und ohne funktionelle Einschränkungen (Rumpf, Arme, Beine) ist keine Therapie erforderlich. Hingegen ist eine frühzeitige Behandlung bei schnell wachsenden infantilen Hämangiomen in Problemzonen angezeigt, um Komplikationen zu vermeiden. Davon betroffen sind vor allem Kinder mit infantilen Hämangiomen im Augenbereich (wegen drohender Sehbehinderung), im Lippenbereich (wegen nur geringer oder langsamer spontaner Rückbildung) und in der Nasenregion (zur Vorbeugung von Nasendeformitäten). Bei manchen Kindern kann aufgrund der Krankengeschichte und der klinischen und bildgebenden Befunde auch ohne einen Beobachtungs- beziehungsweise Kontrollzeitraum eine sofortige Behandlung notwendig sein.

Die Hauptziele der Behandlung sind:

  • funktionelle und kosmetische Probleme zu vermeiden beziehungsweise zu beseitigen,
  • Geschwürbildungen (Nekrosen) zu behandeln,
  • das Wachstum der Hämangiome zum Stillstand zu bringen,
  • die Rückbildung großer infantiler Hämangiome zu beschleunigen.

Kinder mit fortschreitend wachsenden infantilen Hämangiomen auf einer Fläche von mehr als 5% der Körperoberfläche oder mit bereits eingetretenen Komplikationen sollten zur Therapieentscheidung in einem Spezialzentrum vorgestellt werden. Ein möglichst frühzeitiger Therapiebeginn kann entscheidend für den weiteren Verlauf sein. Bei Kindern, deren Tumor sich in der Stillstands- oder Rückbildungsphase befindet, ist in der Regel eine abwartende Haltung zu empfehlen. Wenn jedoch Komplikationen durch Geschwüre zu befürchten sind, ist auch in diesen Phasen eine Behandlung angezeigt.

Die Behandlungsmöglichkeiten beinhalten:

  • medikamentöse Behandlung mit Betablockern (Propranolol)
  • Lasertherapie
  • Kryotherapie
  • Operation
  • Unterstützende Maßnahmen

Betablocker (Propranolol)

Wie Propranolol bei infantilen Hämangiomen wirkt, ist noch nicht vollständig geklärt. Es zeigt bei den meisten Patienten bereits eine Wirkung innerhalb von wenigen Stunden nach der ersten Gabe, spätestens jedoch innerhalb von Tagen: Die Durchblutung des Hämangioms nimmt ab und es wird weicher. Insgesamt sprechen 98% der mit Propranolol behandelten Tumoren auf die Therapie an. Das Medikament kann geschluckt werden.

Nebenwirkungen werden bei etwa 30% der Kinder beobachtet. Sie sind jedoch vorübergehend und meist harmlos (zum Beispiel nächtliche Unruhe oder Durchfall). Bei circa 17% der Patienten kommt es nach Beendigung einer sechsmonatigen Therapie zu einem erneuten Wachstum des Tumors. In Ausnahmefällen (vollkommenes Verschwinden des Hämangioms in den ersten Lebensmonaten während der Therapie) ist ein Behandlungsabbruch zu diesem Zeitpunkt möglich. Ansonsten sollte die Therapie bis zum ersten Geburtstag erfolgen. Nicht alle Kinder (zum Beispiel manche ehemalige Frühgeborene oder Säuglinge mit angeborenen Herzfehlern) können mit Propranolol behandelt werden, so dass bei ihnen auf andere Behandlungsmöglichkeiten ausgewichen wird. [LEA2015]

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Hämangiom vor, während und nach der Therapie mit Propanolol
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Lasertherapie

Aufgrund der hervorragenden Wirksamkeit der oralen Betablocker (Propranolol)-Therapie (siehe oben) bei überschaubaren und beherrschbaren Nebenwirkungen ist die Bedeutung der Lasertherapie in den Hintergrund getreten. Der Einsatz des Blitzlampen-gepumpten gepulsten Farbstofflasers (FPDL) oder gepulster Blitzlampen (IPL) ist zur Primärtherapie nur noch bei kleinen, lokalisierten, flachen infantilen Hämangiomen angezeigt [KON2005]. Alternativ steht die Kryotherapie zur Verfügung (siehe unten).

Kryotherapie

Die Kryotherapie (gezielter Einsatz von Kälte) ist in Deutschland für die Behandlung von kleinen, flachen infantilen Hämangiomen mit einer Fläche bis zu maximal 1 cm Durchmesser etabliert. Blasen- und Krustenbildung sind möglich. [BAU2003]

Operation

Die Operation ist bis auf wenige Ausnahmen keine bevorzugte Behandlungsform. Sie kommt wegen der hohen spontanen Rückbildungsrate und der Erfolge anderer Therapieverfahren nur bei wenigen Patienten zum Einsatz. Sie kann vor allem zur kosmetischen Verbesserung angezeigt sein, oder auch, wenn Komplikationen drohen, die durch die anderen Verfahren nicht zu beherrschen sind. Dies kann zum Beispiel bei akut drohendem Funktionsverlust der Fall sein. Die Operation sollte nur durchgeführt werden, wenn später keine ästhetischen oder funktionellen Einschränkungen erwartet werden. Am behaarten Kopf ist eine Operation sinnvoll, wenn nach Abschluss der Rückbildungsphase kahle Stellen zu verbleiben drohen oder es zu starkem Gewebsüberschuss kommen könnte. Bei infantilen Hämangiomen im Nasen- und Lippenbereich ist nach dem Rückbildungsstadium die operative (Teil-) Entfernung oder die Laser-Behandlung von Restbefunden (Residuen) möglich. Die Behandlung von Restbefunden sollte nach dem 4. - 5. Lebensjahr des Patienten durchgeführt werden, das heißt, wenn keine Veränderungen des Hämangioms mehr zu erwarten sind.

Unterstützende Maßnahmen

Infantile Hämangiome mit Geschwürbildung (Ulzeration) zeigen ein sehr gutes Ansprechen auf die Propranolol-Therapie (siehe oben). Als effektiv hat sich zusätzlich folgendes Pflegekonzept erwiesen: Ein geschwürartiges (ulzeriertes) Hämangiom in der Anus- oder Geschlechtsregion sollte nach jedem Wasserlassen beziehungsweise jedem Stuhlgang an der entsprechende Stelle mit dem Desinfektionsmittel Octenidindihydrochlorid abgespült werden und danach an der Luft trocknen. Auf die wunde Stelle (Läsion) sollte Polyhexanid, ein Antiseptikum, aufgetragen und mit sterilem Paraffingazeverband abgedeckt werden. Zunächst kann auch mit Schwarzteeumschlägen eine Austrocknung der Läsion angestrebt werden.