Aplasiephase (Tag 0 bis ca. Tag +21)

Autor:  Maria Yiallouros, Erstellt am 20.11.2017, Freigabe:  PD Dr. med. S. Voigt, Zuletzt geändert: 18.05.2022 https://kinderkrebsinfo.de/doi/e185671

Die in die Blutbahn infundierten Blutstammzellen suchen sich ihren Weg in das Knochenmark des Patienten, siedeln sich dort an und beginnen, neue funktionstüchtige Blutzellen zu bilden. Dieser Vorgang dauert üblicherweise zwei bis vier Wochen. Manchmal wird das Anwachsen der Stammzellen durch die Gabe von Wachstumsfaktoren (wie G-CFS), die die Blutbildung fördern, unterstützt.

Der gesamte Zeitraum bis zum Anwachsen der neuen Stammzellen ist durch einen ausgeprägten Mangel an roten und weißen Blutzellen sowie Blutplättchen gekennzeichnet. In dieser Zeit funktioniert das alte Knochenmark (infolge der Konditionierungsbehandlung) nicht mehr und das neue Knochenmark hat seine Arbeit - die Blutbildung - noch nicht aufgenommen. Diese Phase der fehlenden Knochenmarkfunktion wird Aplasie-Phase (Knochenmarkaplasie) genannt.

Der Mangel an roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten) kann durch geeignete Transfusionen leicht ausgeglichen werden. Dagegen lassen sich die weißen Blutkörperchen (Leukozyten), durch eine Transfusion meist nicht ersetzen.

Dieser Mangel an Abwehrzellen (insbesondere an Granulozyten) führt dazu, dass die Immunabwehr des Patienten fast gänzlich zum Erliegen kommt. Die Anfälligkeit gegenüber Infektionen nimmt infolgedessen stark zu. Bakterien- und Hefepilzinfektionen spielen in dieser Phase eine besonders bedeutende Rolle.

Obwohl es leistungsfähige Antibiotika und auch Medikamente gegen Pilzinfektionen (Antimykotika) gibt, stellt diese Periode eine Gefährdung für die Patienten dar, die nicht unterschätzt werden darf. Aus diesem Grund wurden wichtige Schutzmaßnahmen entwickelt. Die wirksamste Maßnahme ist die Unterbringung des Patienten in einem sogenannten "Sterilzimmer" sowie die Sterilisation oder Desinfektion aller Dinge, die in diesen Raum gebracht werden. Auch der keimarmen Ernährung kommt in diesem Zusammenhang eine wichtige Bedeutung zu.

Gut zu wissen: Die Angehörigen können auch während der Aplasie-Phase beim Patienten sein. Sie müssen allerdings – je nach Hygienevorschrift des jeweiligen Transplantationszentrums – eine spezielle Kleidung und einen Mundschutz anlegen, bevor sie das Patientenzimmer betreten. Am wichtigsten ist aber die gründliche Desinfektion beim Betreten des Patientenzimmers. Schlafen sollten die Angehörigen nur in Ausnahmefällen im Zimmer des Patienten. Zur Unterbringung stehen in der Regel Elternwohnungen in unmittelbarer Nähe der Klinik zur Verfügung. Einzelheiten zu diesen und weiteren Schutzmaßnahmen erhalten Sie von Ihrem Transplantationsteam.

Trotz aller dieser Maßnahmen treten bei den meisten Patienten in der Zeit der Knochenmarkaplasie Fieberphasen als Zeichen einer Infektion auf. In diesem Fall werden unverzüglich Antibiotika über den Venenverweilkatheter [zentraler Venenkatheter] verabreicht. Lebensbedrohliche Infektionen zur Zeit der Aplasiephase sind insgesamt selten. Weitere Informationen zu Infektionen und deren Behandlung während der Aplasie-Phase finden Sie im Kapitel "Konditionierungsphase".

Weitere Beeinträchtigungen in der Aplasie-Phase

Während der Zeit der Knochenmarkaplasie‎ ist der Patient noch durch weitere Auswirkungen der Konditionierungsbehandlung beeinträchtigt. So verursachen Chemotherapie und Strahlentherapie unter anderem auch Übelkeit und Schäden an der Mund- und Darmschleimhaut (Mukositis), die sehr schmerzhaft sein können und dazu führen, dass das Kind nicht essen kann oder mag. Fast alle Patienten müssen daher in dieser Phase über eine Magensonde oder über den zentralen Venenzugang ernährt und mit Schmerzmitteln versorgt werden. Weitere Informationen zur Konditionierungsbehandlung und ihre möglichen Nebenwirkungen finden Sie hier.

Die Funktion lebenswichtiger Organe kann in dieser Phase auch beeinträchtigt sein. Solche Nebenwirkungen treten bei der Transplantation nicht bösartiger Erkrankungen insgesamt aber selten auf, da die Vorbehandlung (Konditionierung) oft schonender ist als bei einer Krebserkrankung.

Anmerkung: Trotz der Schleimhautentzündung ist es wichtig, dass die Patienten die notwendigen Medikamente weiterhin regelmäßig einnehmen und auf regelmäßige und sorgfältige Mundspülungen nach Anleitung durch das Transplantationsteam achten. Die Mundschleimhautschäden dauern in der Regel acht bis zehn Tage an und heilen ab, sobald die transplantierten Stammzellen begonnen haben, wieder Blutzellen zu produzieren.